Reise in die Vergangenheit: Die Magie des Herdfeuers

Vor der Industrialiserung war das Herdfeuer der zentrale Ort, an dem sich das Leben in Haus und Hof abspielte. Das Herdfeuer war nicht nur der Platz zum Kochen, es war auch die Feuerstelle, mit der Haus und Hof geheizt wurden und Treffpunkt, an dem man sich versammelte. Bei meinen Besuchen in Museumsdörfern haben mich die Feuerstellen immer besonders fasziniert, da sie wirklich buchstäblich das Zentrum des Wohnens im Landleben waren. Über ihnen hingen gusseiserne Teekessel und Kochtöpfe und der Ruß der Jahrhunderte sammelte sich rundherum und an den Wänden. Außerdem begegnen mir immer wieder interessante Bräuche und Aberglauben rund um das Herdfeuer. Einige davon möchte ich euch heute einmal vorstellen, denn traurig aber wahr: Heute ist das zentrale Herdfeuer größtenteils durch den Fernseher ersetzt worden, um den sich alles dreht und sammelt… Umso schöner also mal ein Ausflug in vergangene Zeiten, aus denen wir mit Sicherheit immer wieder lernen können.

Das Herdfeuer der Vergangenheit

Jahrhundertealte Feuerstelle

Jahrhundertealte Feuerstelle

An Feuerstellen wie diesen bündelte sich das ländliche Leben. Sie dienten nicht nur als Kochplatz, sondern waren gleichzeitig Ofen für Mensch und Tier und abendlicher Treffpunkt, wenn die harte Arbeit getan und der Tag vergangen war. Hier konnte man sich wärmen, beisammen sitzen und heißen Tee oder Punsch trinken. Und: Es war neben einigen Kerzen die einzige starke Lichtquelle in der Dunkelheit.

Die Rückwand war meist mit einer unterschiedlich verzierten Takenplatte verkleidet. Diese gusseisernen Platten waren zum einen dekorativ, dienten aber vor allem dem Feuerschutz und der Wärmeregulierung. Im dahinterliegenden Raum konnte so die Wärme weitergeleitet oder abgeschirmt werden. Sie waren mit verschiedenen Bildern und Reliefs geschmückt, die durch das Flackern des Feuers lebendig wurden. Man kennt solche Taken- und Kaminplatten seit dem 15. Jahrhundert. Vor dem Leben in festen Häusern befand sich die Feuerstelle draußen, und abgelöst wurde das offene Feuer auch im Haus dann ab Ende des 18. Jahrhunderts durch erste abgeschlossene Herdöfen. In vorchristlicher Zeit wurden sogar die Toten nahe der Feuerstelle begraben, da sie eben nicht nur lebenswichtig war, sondern auch das Zentrum des Zusammenlebens darstellte. Und aufgrund der Wichtigkeit und Bedeutung des Herdfeuers hatte dieses auch seine eigenen Patroninnen und Beschützerinnen.

Herdfeuer vor 200-300 Jahren

Herdfeuer vor 200-300 Jahren

Die Hüterinnen der Flamme

Das Feuer war nicht nur überlebenswichtig, man musste auch immer in seiner Nähe sein, damit es nicht zu einem Brand kommt. Man war also zum einen auf das Feuer angewiesen und von ihm abhängig, zum anderen musste man auch achtsam mit ihm umgehen, da es auch eine zerstörerische Kraft hat. Das wertvolle, machtvolle Herdfeuer wurde respektvoll verehrt und ihm wurden besondere Göttinnenfiguren zugeordnet, um dem Feuer zu danken und es gleichzeitig gnädig zu stimmen.

Hestia, Vesta & Brighid

Hüterinnen der Flamme

Hüterinnen der Flamme

Diese drei alten heidnischen Göttinen sind zentrale Figuren im europäischen Raum und mächtige Hüterinnen des Herdfeuers in alten Zeiten.

Brighid ist eine meiner Lieblingsgöttinnen: Sie ist eine keltische Göttin und steht in Verbindung mit Dichtkunst, Schmieden (am Feuer), Heilung und Erneuerung. Ihr Fest ist Anfang Februar, ihr Kleid weiß und ihr Wirken erstreckt sich auf heilige Quellen und das lebensspendende Feuer. Ihr Symbol ist der Kessel, und dieser ist untrennbar mit dem Herdfeuer verknüpft.

Hestia ist eine griechische Figur, die als Göttin des Herdes verehrt wurde – und als Feuergöttin auch gefürchtet. Wenn das Feuer besonders laut knisterte, meinte man, Hestia lachen zu hören.

Vesta ist eine der ältesten Göttinnen überhaupt. Ihr Reich ist ebenfalls das Feuer und sie entspringt der römischen Mythologie. Sie wird nicht als menschliches Wesen dargestellt – sie ist das Feuer selbst.

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All diese Göttinnen symbolisieren und hüten das lebenswichtige Element Feuer, das wärmt, beschützt, erhellt und dennoch auch zerstören kann. Ihnen zu Ehren wurden Opfergaben verbrannt und Feiertage abgehalten. Bräuche, Kulte und Magie des Herdfeuers blieben über Jahrtausende bestehen. Auch in der jüngeren Vergangenheit gibt es eine Vielzahl alter Bräuche, die von der großen Bedeutung des Herdfeuers erzählen.

Brauchtum, Aberglauben und Magie rund um das Herdfeuer

Begeben wir uns nun für einen Moment in ein altes Bauernhaus auf dem Land, lauschen wir dem Knisten des Feuers, wärmen unsere Hände und trinken einen heißen Tee, während die Familienälteste aus ihrem Wissensschatz berichtet, was es mit dem guten Leben zwischen Mensch und Herdfeuer auf sich hat…

Nimm Platz

Komm herein und nimm Platz…

♠ Feuer verjüngt und reinigt uns: Mit der Flamme der Osterkerze oder des Osterfeuers wurde im Frühjahr das Herdfeuer neu entfacht

♠ Mit dem Feuer begrüßen wir das neue Jahr und bewahren seinen Segen: Zu Mittwinter, der Wintersonnenwende, wird der Julscheit ins Feuer gelegt und seine Asche das ganze Jahr über als glückbringend aufbewahrt. Mit dem letzten Rest des Holzes wird im nächsten Jahr das Julfeuer entzündet.

♠ Und nicht nur an besonderen Tagen: Nie durfte das Feuer ausgehen. Es war wertvoll und sicherte das Leben.

♠ Vor Gewitter schütze dich, indem du Palmbuschen (gesegnetes Gebinde aus getrockneten Hölzern) im Herdfeuer verbrennst!

♠ Von den alten Germanen ist bekannt: Sie hatten die Feuerstelle schon immer im Hause.

Und hier ein ausführliche Beschreibung, die ich über Facebook von Anja Meyer erhalten habe:

Dazu aus dem Lüneburgischen: wenn früher ein Hof verkauft wurde musste der neue Besitzer als erstes den Kesselhaken über dem Herd berühren wenn er das Haus betrat, erst danach gehörte der Hof wirklich ihm.

Und auch alle Rechtsgeschäfte und Pakte wie Verlobungen oder das Mieten von Dienstboten waren nach Ansicht der Leute nur gültig, wenn sie am Herd „by brennenden Füer“ abgeschlossen wurden.

Der Kesselhaken als handlichster Teil des Herdes galt sogar als eine Art Besitzurkunde. Brannte z. B. ein Hof versuchte der Bauer nach Mensch und Vieh sofort den Kesselhaken zu bergen.

Aus dem Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens (Bächthold-Stäubli):

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  • Man erblickte im Herdfeuer einen segenspendenden Dämon oder Gott, betete es in Gefahren an und jedesmal, ehe man das Haus verließ, brachte man ihm Opfer. Seine beständige Erhaltung oder seine feierliche Erneuerung galten als kultisches Gesetz.
  • In Schlesien segnete man, eher man das Haus verlässt, das Herdfeuer mit dem Kreuzzeichen.
  • Es gilt als Sünde, das Herdfeuer zu verunreinigen. Auch darf es nicht aus dem Hause getragen werden.
  • Zu bestimmten Zeiten bringt man ihm Opfer in Form von Speiseresten, Milch, Mehl, extra Gebackenem oder Geld dar.
  • Auch z.B. in den Rauhnächten werden das Herdfeuer und „die armen Seelen“ mit Speiseopfern geweiht.
  • Um sich vor Blitzeinschlag zu schützen, löscht man entweder das Feuer oder wirft geweihte Kräuter oder Palmbuschen hinein.
  • Zieht man in ein neues Haus, wird das neue Herdfeuer mit Glut des alten entfacht. Hierbei trägt die älteste Frau der Familie in einem ungebrauchten Topf die Glut ins neue Haus, entfacht das Feuer und bittet den Hausgeist mit folgenden Worten um seinen Segen: „Bitte, Väterchen, folgen Sie in das neue Haus“. Der Topf wird dann zerschlagen.
  • Wird ein neues Familienmitglied in die Hausgemeinschaft aufgenommen, muss es andächtig das Herdfeuer drei Mal umschreiten.
  • Das Herdfeuer ist ein Geisterort ersten Ranges: Feuerdämonen, Ahnenseelen und Hausgeister wohnen in ihm.
  • Am Herdfeuer kündigen sich Geister durch Klopfen und Knistern an, und unter ihm befindet sich der Eingang ins Zwergenreich.
  • Die „armen Seelen“ wärmen sich am Feuer, weswegen man sie öfter als Geister dort sitzen sieht.
  • War das Herdfeuer nicht ordentlich gereinigt, erhielt derjenige, der ihm am nähesten stand, vom Hausgeist eine schallende Ohrfeige.
  • Auch für jede Menge Zauber und Weissagungen war das Herdfeuer der passendste Ort.

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Was uns diese Reise in die Vergangenheit lehren kann

Ich persönlich ziehe aus solchen kleinen Reisen in die Vergangenheit mehrere Lehren. Zum einen macht es mich etwas demütig, weil wir heute in einem solchen Überfluss leben, dass wir uns dessen gar nicht richtig bewusst sein. Nahezu alles ist immer verfügbar und selbstverständlich. Zu erkennen, wie ehrfürchtig unsere Vorfahren mit dem Nötigsten umgingen, weil sie von ihm abhängig waren, und wie beseelt ihre Umwelt war, kann auch unser heutiges Leben bereichern. Mehr Dankbarkeit und ein liebevoller Umgang mit selbstverständlichen „Kleinigkeiten“ macht mich persönlich glücklich, denn mir wird bewusst, wie gut ich es habe. Und es kann auch helfen, sich mehr aufs Wesentliche zu besinnen. Die Erkenntnis, dass Menschen heutzutage sich zuhause so gut wie ausschließlich vor dem Fernseher gemeinsam einfinden, ist schon etwas erschreckend. Aber das lässt sich ja zum Glück ändern, und dafür braucht es kein offenes Feuer im Wohnzimmer. Ein Blick in sich selbst und in die kleinen Wunder der Welt um uns herum reicht.

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10 Kommentare zu “Reise in die Vergangenheit: Die Magie des Herdfeuers

  1. berlienchen sagt:

    Ein toller Beitrag!
    Ich denke, es ist an jedem selbst, etwas zu finden, wie er in der heutigen Zeit ein wenig „entschleunigen“ kann. Es ist derzeit nicht nur der Fernseher, der ein kommunikatives Miteinander oft stört. Wir versuchen wenigstens die Mahlzeiten zusammen einzunehmen und reden da. Wir haben in der Familie aber auch gemerkt, wie wertvoll es sein kann, auf Medien, zumindest ab und zu, bewusst zu verzichten.

    Jetzt kommt wieder die Zeit, wo man es sich drinnen wieder etwas gemütlicher macht. Kerzen können zwar das Herdfeuer nicht ersetzen, aber auch sie strahlen Wärme und Geborgenheit aus.

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  2. Dankeschön 🙂 Und ja, Entschleunigung ist ein sehr gutes Stichwort, was genau dazu passt. Toll, dass ihr euch bewusst Zeit nehmt. All das Technische und Künstliche nimmt oft soviel Raum ein, dass man es für das wahre Leben hält. Aber das hat zum Glück noch viel mehr zu bieten 🙂 Liebe Grüße *Franziska*

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  3. […] Herdfeuer musste in vielen Regionen gelöscht werden, damit es kein Feuer im Hause anzieht. Widerum heißt es […]

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  4. melhaswelt sagt:

    Deine Beiträge dieser Art strahlen immer sowas „heimeliges“ und mystisches aus…..das macht schon beim Lesen richtig Spaß und Vorfreude auf gemütliche Herbst- und Wintertage….Schön, Danke! 🙂

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    • Dankeschööön 🙂 Und ja, ich weiß was du meinst, mir tut so etwas auch total gut und ich tanke richtig Kraft und Ruhe, wenn ich mich mit solchen Dingen beschäftige. Ich glaube aber auch oft, dass ich irgendwie in der falschen Zeit geboren bin. Aber ich versuche, das Beste daraus zu machen 😉 Liebe Grüße zurück und einen schönen Sonntag!

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  5. […] Er war eine stark gewitterabwehrende Pflanze. Seine Zweige wurden auch bei Gewitter an die Fenster gesteckt (siehe oben: ein guter Energieleiter!). Ebenso wurden Haselkätzchen bei Gewitter zum Schutz des Hauses in das Herdfeuer geworfen. […]

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  6. […] man auch in jüngerer Vergangenheit an Lichtmess etwas Kuchen und Gebäck in den Ofen (früher: das Herdfeuer, unter dem die Ahnen wohnten)! Die Ahnengeister sollten mit Opfergaben gnädig gestimmt und […]

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  7. […] auf sie zu übertragen. Außerdem sollte das Abhalten dieser Feuer vor Feuer schützen. Das Herdfeuer im Haus wurde vorher erloschen – es wurde mit der Flamme des Osterfeuers neu entfacht. Außedem […]

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  8. […] fernhalten und austreiben und das Land mit fruchtbarer Asche segnen. Auch bei diesem Fest wurde das Herdfeuer gelöscht und mit der Glut des Maifeuers neu entzündet. Wer über solch ein Feuer springt, erlangt […]

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