Alte Überlieferungen: Die Magie von Wind und Sturm

Eine stürmische Woche wartet auf uns und ich muss zugeben: Ich liebe den Wind und sein unheimliches Rauschen, habe aber auch immer wieder mal auch ein etwas gruseliges Gefühl. Wenn man wie ich lange unterm Dach in einem alten Haus gewohnt hat, wo der Wind an den Dachziegeln klappert, gegen die Fenster drückt, durch die Ofenrohre saust und durchs Gebälk fegt, dann bekommt man die ungeheure Kraft der Natur doch noch zu spüren, selbst wenn man drinnen sicher und warm ist. Auch mein Hund ist bei Wind und Sturm wachsamer. Ich persönlich finde den Wind sehr befreiend, denn kühle und frische Luft ist mein Element und hilft mir tatsächlich, den Kopf freizukriegen. Es hat für mich etwas Befreiendes, Reinigendes und Kräftigendes – und eben auch etwas Geheimnisvolles. Daher habe ich mich nun mal etwas näher damit befasst 🙂

storm wind sturm

Der Wind im alten Volksglauben

Da der Mensch von der Natur abhängig und ihr (ja, sogar heute noch!) in vielerlei Hinsicht kräftemäßig unterlegen ist, begegnete man den Naturgewalten mit großem Respekt. Der Wind mit seinen übermenschlichen Kräften wurde oft als mächtiges Wesen personifiziert – dies schlägt sich schon im Sprachgebrauch nieder: Der Wind saust, er heult, er tobt, er rüttelt.

Bei den Germanen war der Wind u.a. in Adlergestalt unterwegs und breitete seine mächtigen Schwingen am Himmel aus. Und er ist hungrig und will gefüttert werden: Es haben daher viele Bräuche überdauert, den Wind zu füttern (siehe unten). Auch als Eber, Wolf, Bär oder Pferd ist er in alten Legenden unterwegs – aber auch als Windriese in menschlicher Gestalt ist er bekannt. Im gesamten indogermanen Raum ist ein Sturm- oder Windgott bekannt – oder ein „Herr über die Winde“.

storm sturm pagan magie

Die Wilde Jagd

Man kennt sie aus den Überlieferungen zu den Rauhnächten (die 12 Heiligen Nächte zwischen den Jahren), in denen der Sturmgott Wotan und Frau Holle/die Perchta mit ihrem Gespann über den Himmel ziehen. Der „wilde Jäger“ hat aber noch mehr Namen und ist in vielen Regionen bekannt. Den Überlieferungen ist gemein, dass die Wilde Jagd oft aus Grenzgängern besteht- dies können die Seele verstorbener Kinder, die Seelen der Ahnen, ungerechte Richter oder die Seelen von Verurteilten sein. Man brachte der Wilden Jagd zur Besänftigung Opfer dar, konnte aber auch selbst Geschenke von ihr erbitten. Windgeister haben keinen festen Wohnsitz, da sie ja in der Luft umherfegen. Man war also immer von ihnen umgeben und es sponnen sich aufgrund der Bedrohlichkeit des Windes lebendige Phantasien und Sagen um diese Naturgewalt. Das „Wilde Heer“ tritt in den Überlieferungen aber vor allem in der Winter- und Rauhnachtszeit auf, da dies die dunkle Jahreszeit ist und verborgene Kräfte hier am stärksten sind.

storm pagan magic wind zauber

Die Windbraut

Eine weibliche Verkörperung ist die häufige Darstellung des Windes als Windbraut. Sie ist eine vom Wind gejagte und umworbene weibliche Figur, die sich im Zwiekampf mit ihm befindet.

Die Windbraut „ist heftiger als ihr Mann; so sagt man in Schlesien bei besonders heftigem Wirbel: Heute geht die Windin selber. Sie weint gern wie alle Weiber, plaudert gern, kommt oft mit den Hexen in Streit. (…) Die Windsbraut regiert in der Morgenfrühe, im Frühjahr und Sommer, von Süd und West her.“ (Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens)

Ebenfalls eine schöne Überlieferung ist „die Umfahrt der Waldfrauen im Wirbelwind“ – und im nordrussischen Glauben ist der Wind ein Waldgeist, der hilfreich, aber auch bösartig sein kann.

Der Windsbraut wird ein aufbrausendes Gemüt zugeschrieben, mit dem sie sich an Feinden oder Gegnern rächt. Es hieß, in ihr habe sich ein Geist oder eine Hexe versteckt. Oft wurde ihr Gefährlichkeit zugeschrieben und ihr Wesen als Dämon, Mar oder Drut bezeichnet. Dahinter steht die Angst vor dieser Naturgewalt, die nicht nur die Ernte vernichten, sondern auch Haus und Hof und Menschenleben gefährden konnte.

Sich dem Wind zu Wehr setzen: Abwehrzauber

Gegen die „bösen Geister“ im Wind gab es allerlei Zauberpraktiken. Es wurde in den Wind gespuckt oder mit Lärm versucht, ihn zu vertreiben. Auch mit jeder Menge Schimpfwörtern wurde er bedacht. Im Mecklenburgischen wurde der Wind sogar als „Leeve Herr Düvel“ (Lieber Herr Teufel) angesprochen. Als sehr wirkträchtig erhofftes Abwehrmittel wurde ein spitzes Messer in den Wind geworfen, um die Hexe zu treffen. Alte Sagen aus dem Allgäu erzählen davon, wie dieses Messer blutig zu Boden fiel, nachdem es die Windsbraut (oder den Teufel in ihr) verwundete. Auch mit geweihten Kugeln wurde nach ihr geschossen. Und auch bei den Wenden sollte der Sturm durch Messerwürfe und Schimpfworte gebannt werden.

Weitere Abwehrzauber sind das Verspritzen von Essig in den Wind oder der Brauch, drei Hagelkörner ins Feuer zu werfen. Es war auch in einigen Regionen verbreitet, dem Wind den blanken Hintern des Erstgeborenen entgegen zu halten 🙂

storm wind magie rituale

Den Wind füttern und weitere Wetterzauber

Anstatt den Wind zu vertreiben, gab es auch die Strategie, ihn mit milden Gaben und Opfern gnädig zu stimmen. da der Wind auch in engem Zusammenhang mit Fruchtbarkeit stand, wurde vor allem Mehl, Getreide, Kleie, Heu, Brotkrumen, Federn oder Salz in den Wind gestreut oder auf die Fensterbank gelegt, damit der Wind es sich wegholen könne. Dies wurde begleitet von dem Satz: „Da hast Du, lieber Wind, für Dich und auch Dein Kind!“. Der Wind mit seinem Kind kommt sehr oft in solchen Sprüchen vor und wir kennen sie aus dem Märchen mit dem berühmten Satz „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!“

Auch Gebildebrote (als Backwaren in Mensch-, Tier- oder Symbolform) waren als Opfer üblich; es wurden auch ungebackene, aber geformte Laiber auf Zäune gesteckt oder verbrannt.

Ebenso sind aber auch viele Zauber bekannt, die den Wind anlocken: Wetterzauber also. Allerdings ist der Wind auf dem Land ja eher schädlich – auf See allerdings galt es, ihn sich zum Freund zu machen und auf ihn zu hoffen, wollte man sich in die richtige Richtung fortbewegen. Es gibt also viele positive Windzauber bei Fischern und Seeleuten. Dort wurde der Wind herbeigepfiffen, herbeigeschossen, ein Besen verbrannt oder mit den Nägeln am Mast gekratzt. Ebenso wurde aber auch versucht, den Wind ganz und gar zu fangen und einzusperren, um ihn willkürlich nutzen zu können. Und im Zuge des Herbeirufens und Beherrschens des Windes wurden auch dazugehörige Naturgewalten wie Hagel, Regen, Nebel und Gewitter versucht, zu beeinflussen. Man wollte sie hervorrufen, indem man Steine in eine Schlucht warf oder Gewässer mit Gerten schlug. Sogar Menschenopfer waren bekannt.

storm wind magie sturm

Wetterregeln und die Bedeutung von Wind

Und nicht zuletzt war neben all den Zaubern und Ängsten der Wind auch ein Omen, die Sprache der Natur und ein Gradmesser für das Wetter und sonstige Belange des Lebens. Es hieß, der Sturm zeigt an, dass sich jemand erhängt habe und (wie mit der Wilden Jagd) die Seelen Verstorbener in ihm umherfahren. Starker Wind sollte auch Krieg angekündigt haben – und letztendlich ist Wind ja das Resultat des Kampfes zwischen verschiedenen Temperaturen, Thermiken und Witterungsströmungen: Ein sichtbarer, sich entladender Konflikt.

  • Einige alte Wetteregeln zum Wind lauten:
  • Heult der Wind im Ofenloch, wird es kalt
  • Viel Wirbelwind, der leise geht, den Regen auf lange Zeit verweht
  • Wenn die Schafe viel springen, kommt Wind
  • Wie der Wind am 3., 4. oder 5. Tag nach Neumond weht, so den ganzen Monat hindurch

Der Wind heute

Ziemlich spannend, der gute Wind – er hat die Menschen schon früher sehr stark beschäftigt und tut es auch heute noch! Wir sind „durch den Wind“, hüten uns vor „windigen Geschäftsleuten“, „nehmen anderen den Wind aus den Segeln“, „schlagen Bedenken in den Wind“, „schreiben etwas in den Wind“, „überwinden“ etwas oder uns und verstreuen uns in alle Winde… Ganz schön präsent, nicht wahr?

Stürmisches Wetter kann zerstreut und unruhig machen; hier kann es dann hilfreich zu sein, sich zu erden und zu zentrieren. Allerdings lässt sich diese Energie gut nutzen, um seinen Kopf und sein Leben ebenfalls „durchzupusten“ und sich z.B. mit passendem Räucherwerk zu reinigen. Da Wind mit Spannungen zu tun hat, kann man die Zeit nutzen, sie abzubauen. Geeignetes Räucherwerk zum Lösen von aufgestauten Energien sind z.B. Königskerze und Lichtbringer wie Alant- und Angelikawurzel. Zum Erden kann man Erdrauch, Meisterwurz und Gundermann verwenden. Reinigend wirkt auch eine Salbeiräucherung.

Advertisements

9 Kommentare zu “Alte Überlieferungen: Die Magie von Wind und Sturm

  1. Gabi sagt:

    Richtig, immer noch präsent die alten Redewendungen!
    Vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht über meinen Freund, den Wind! Auch unser Haus ist alt und wenig isoliert…man kann *ihn* hören und fühlen…
    Windliebende herzliche Grüße
    Gabi

    Gefällt 1 Person

    • Oh das hast Du schön gesagt 🙂 Ich sehe im Wind auch einen Freund und bin jedes Mal aufs neue fasziniert und freue mich, nicht in einem isolierten Beton“bunker“ zu wohnen. Meinen Hund muss ich zwar trösten, aber Tiere reagieren eben auch ganz feinfühlig und an Tagen wie heute lese ich von vielen Leuten, dass sie „durch den Wind“ sind. Aber es gehört eben dazu und ich finde es auch wunderbar.
      Windige liebe Grüße zurück! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. […] Quelle: Alte Überlieferungen: Die Magie von Wind und Sturm […]

    Gefällt mir

  3. berlienchen sagt:

    Da hast du dir ja wieder ein schönes Thema ausgesucht. Es hat wieder Spaß gemacht deinen Bericht zu lesen. Auch ich mag den Wind, erinnert er mich doch an das Leben an der Küste, wo der Wind irgendwie immer zu Hause war. Oft hatten wir heftige Herbststürme, die auch Bäume entwurzelt haben. Wahnsinn, was da für eine Kraft hinter steckt! Toll ist auch so ein schönes Wellenspiel der Ostsee, wenn es so richtig stürmt.
    Ich musste bei deiner Schilderung, wie du den Wind erlebt hast (am Anfang deines Beitrages) an unser altes Haus auf Usedom denken. Ich, wie ich älter war, ein Zimmer zum Nachbarn raus, der eine Art selbstgebauten Wetterhahn auf dem Stall hatte. Bei Wind hat sich das Ding immer gedreht… Ich hab das Geräusch noch heute im Kopf. Gerne denke ich auch an die großen Pappeln bei meinen Großeltern, die immer so schön geraschelt haben. Ja, Wind ist herrlich 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Oh ja… Die schöne Ostsee ❤ und der Wind und die Wellen… An Deine schönen Erinnerungen schließe ich mich gleich mal an… Bei meiner Familie ist es auch immer so gewesen, dass entweder am Achterwasser am Strand Wind war – irgendwo hat es also immer gerauscht und es ist so erfrischend und kraftspendend, den Wellen zuzuhören… Und hier bei mir ist grad ordentlich Wind, dazu schneit es auf einmal und einen lauten Donnerknall gab es auch 🙂 Da haben die Wetterhähne gerade zu tun… 🙂
      Ganz liebe Grüße!

      Gefällt mir

  4. Schöner Text, ich komme wohl aus DER windigsten Gegend in D , nämlich der nordfriesischen Küste. Bei uns gibt es ja zuweilen länger dauernde heftige Stürme (alles unterhalb Windstärke 12 also 118 kmh bezeichnen wir gar nicht erst als „Sturm“ ) und merkwürdigerweise animieren die zum Renovieren. Im Herbst und Winter gibts bei vielen Leuten zurechtgestellte Farbeimer die dann zum Einsatz kommen wenn man weiss, dass man während eines längeren Sturms eh nicht raus kann. Man verabredet sich mitunter auch wenn man gemeinsam etwas Aufwändiges machen will für „den nächsten Sturm“. Es ist also nicht so dass es die Konzentration beeinträchtigt ..eher wird sie gefördert dadurch, dass man gezwungen ist „drinnen“ zu bleiben. Aber es ist natürlich auch so ,dass Mensch Baum und Gebäude an die Bedingungen gewöhnt sind und wenn es nicht auch gleichzeitig eine sehr schwere Sturmflut gibt, hat niemand Angst und es passiert ja auch meist nichts. Das mal ne Dachplatte wegfliegt kommt vor ,ist aber nichts besonderes, sondern eher ein Zeichen von „schlecht unterhalten“

    Gefällt mir

  5. miu24 sagt:

    Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s