Räuchern in den Alpen

Die Alpenregion ist eine Schatzkammer alter Traditionen, Bräuche und Heilpflanzenwissens. Die Lebensbedingungen dort im ländlichen Raum sind bis heute ganz besondere im Vergleich zu Großstädten oder gemäßigteren klimatischen Lebensräumen. Das Leben auf hoch gelegenen Bergen oder vergleichsweise isolierten, abgeschiedenen Tälern funktioniert nur mit Naturverbundenheit, denn dort ist man mehr als woanders auf die eigene Kraft und die der Natur angewiesen – man bekommt aber auch jede Menge davon zurück.

Heilpflanzen haben dort eine starke Kraft und Wirksamkeit; in gezielten Untersuchungen wurde bspw. herausgefunden, dass mit der Höhe des Ortes der Pflanzen auch die Konzentration ihrer Wirkstoffe steigt. Die Pflanzen bekommen nicht nur jede Menge Sonne, sie müssen auch robust und stark sein, um in hohen Lagen zu überstehen. Das tragen sie dann in sich.

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Besondere klimatische Bedingungen, besondere Schönheit. Bildquelle: Pixabay (gemeinfrei)

Alte Bräuche und Traditionen im Alpenraum

Jede Region und jede Zeit hat ihre Traditionen, und einige überdauern die Jahrhunderte. In den Alpen scheint das teilweise besonders stark der Fall zu sein; viele Menschen leben dort bis heute autarker, ursprünglicher und abgeschiedener, als es andernorts der Fall ist. Gleichzeitig sind dort viele Facetten des Glaubens sehr präsent und viel Altes in neuem Gewand und/oder fast unveränderter Form erhalten geblieben. Schönen Lesestoff zu alten Bräuchen und Überlieferung habe ich hier schon einmal vorgestellt – und lebendig ist vieles bis heute – ohne esoterisch oder als Trend neu entdeckt worden zu sein.

In einer Region, wo die Naturgewalten das Leben prägen und den Jahreslauf bestimmen, müssen sich Menschen, Tiere und Pflanze den Gegebenheiten anpassen und mit ihnen leben. Alte Mythen, Sagen und Legenden behalten ihre Lebendigkeit, denn sie entstanden genau daraus: Der Notwendigkeit, die Natur und ihre Kräfte zu verstehen, zu ehren und am besten zu überleben. Ein Gewitter, ein Sturm oder ein gefühlt endloser Winter sowie harte Arbeit für die Gaben der Natur machen ehrfürchtig, aber auch dankbar. Und abgeschieden von Städten oder anderem Komfort, erst Recht in vergangenen Jahrhunderten, gibt es nur die eigene Kraft, die der Natur und allem, was sich darin verbirgt und offenbart.

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Räuchern in den Alpen

Das Räuchern ist bis heute fest verankert im Alpenraum. Zum einen zu besonderen feierlichen Anlässen des Glaubens und des Jahreslaufs, zum anderen bei Krankheit – oder zum Schutz davor. Ein Bekannter von mir verbrachte einige Zeit oben auf einer Alm, in der Käse hergestellt wird und der Bauer räuchert ganz selbstverständlich regelmäßig die Ställe der Tiere aus, um sie vor Krankheiten zu schützen. Mich haben seine Erzählungen sehr begeistert, denn das Räuchern ist weit mehr als Raumbeduftung oder Ritual, es hat ganz handfeste Wirkungen, denn je nach verwendeten Räucherstoffen können z.B.  die Luft gereinigt und Krankheitserreger beseitigt werden.

Das Räuchern mit Pflanzen und Harzen hat eine jahrtausendealte Geschichte und fand zu magischen wie praktischen Anlässen statt. Der bekannteste und auch heute wohl noch verbreitetste Anlass sind die Rauhnächte (hier habe ich mehr darüber geschrieben), der Übergang ins neue Jahr, der mit vielfältigem Aberglauben und Ritualen verbunden ist. Frau Holle, die wilde Jagd und unerlöste Seelen rauschen durch die Nacht und um sie zu besänftigen, sich zu schützen und alte Energien zu vertreiben wurde und wird geräuchert.

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Auch geweissagt wird in den Rauhnächten: Es wird in den Rauch geschaut, die Träume und verschiedenste Orakel befragt…

Interview mit einer echten Tiroler Bauernhofbewohnerin 🙂

Ich hatte das Glück, über das Weben und das Internet Katharina Weitlaner kennenzulernen. Sie lebt und arbeitet auf einem Bauernhof in den Alpen auf ca. 1300m Höhe, macht Heu, webt (ihr Blog dazu und zu einigem anderen heißt WunderWirken), ist heilpflanzenkundig – und räuchert. Genau dazu hat sie mir lieber Weise einige Fragen für diesen Beitrag beantwortet!

Räucherst du und wenn ja, wann?

„Ich räuchere gerne, vor allem in der Winterzeit und wenn alle rundherum kränklich sind gibt das meinen Kindern auch die Gewissheit, dass die Kräuterräucherei von Mama auch hilft. In meinem Umfeld wird vor allem in den Rauhnächten geräuchert. In der Weihnachtsnacht, zu Silvester und einen Tag vor dem 3 Königstag.“

Wie und womit wird geräuchert – bei dir und in der Region? Und wie verbreitet ist das Räuchern?

„Bei uns in Osttirol gibt es sehr viele alte und junge Menschen die alle immer noch die alte Tradition pflegen. (…) Es wird Feuer gemacht im Ofen bzw. Herd und gewartet bis die rechte Glut ist, diese wird mit einer Schaufel herausgenommen und in ein altes Räucherpfandl getan. Auf die Glut kommt Meisterwurz drauf, die im Sommer gesammelt wird. (…) Wenn alles rundherum krank ist, räuchere ich sehr gerne, um die Bakterien und Viren von uns fern zu halten. (…) Ich gebe noch gerne Salbei und andere Kräuter dazu, die ich über den Sommer gesammelt habe.“

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Beispiel einer schmiedeeisernen Räucherpfanne nach altem Vorbild

Gibt es besondere Mischungen und Zutaten in deiner Region?

„Es wird ausschließlich mit Meisterwurz geräuchert.“

Die Meisterwurz ist eine Alpenpflanze, die sich erst ab 1.000m Höhe so richtig wohl fühlt. Hier erfahrt ihr von Katharina etwas über diese wunderbare Pflanze, zusammen mit vielen Bildern der Pflanze und des Wurzelerntens. Sie wird Meisterwurz genannt, weil sie in echter Meister ist – und für und gegen nahezu alles verwendet wird. Sie heilt und stärkt das Immunsystem und geräuchert desinfiziert sie und duftet himmlisch – irgendwo zwischen Bratapfel und Geräuchertem. Frisch ist die Pflanze sehr scharf und wird auch zu Kräuterbittern verarbeitet oder sogar zum Würzen verwendet. Paracelsus soll immer ein Stück Meisterwurz als Amulett zum Schutz vor Krankheiten bei sich getragen haben.

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Getrocknete Meisterwurz – Katharina war so nett und hat mir etwas ihrer diesjährigen Ernte geschickt, denn in meiner Region wächst diese Pflanze nicht und ich hatte noch nie vorher mit ihr geräuchert

Die Meisterwurz kann auch als Tee, Tinktur, Salbe oder als Heilschnaps verwendet werden:

„Ich habe vor kurzem Meisterwurz in Vodka angesetzt, eine sehr scharfe und gesunde Angelegenheit.“

Ich habe Dank Katharina nun auch einmal das Räuchern mit Meisterwurz ausprobieren dürfen und ich war sehr überrascht und begeistert ♥ Die Wurzel hat schon im getrockneten Zustand einen würzigen, süßlichen Geruch, der sich dann beim Räuchern nochmal ganz anders entfaltet. Sie duftet beim Verräuchern süßlich-weich ähnlich dem Bratapfelaroma und gleichzeitig würzig-räucherisch, fast wie etwas zu Essen. Mein Freund und ich fühlten uns unabhängig voneinander an einen bisher noch nicht bestimmten Geruch aus der Kindheit erinnert. Mein Eindruck von Meisterwurz als Räucherstoff: Neben der Reinigung gibt er Energie, Freunde und Wärme. Ich habe ab heute definitiv einen neuen Freund und einen besonderen Schatz in meiner Räucherkiste – und überraschend ergiebig ist die Meisterwurz!

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Zwei kleine Stücke Meisterwurz erfüllten die Terrasse mit ihrem Duft und ebenso durchs offene Fenster das Obergeschoss

♥ Danke, Katharina, für deine Berichte und das wertvolle Geschenk!

Weitere Räucherstoffe aus den Alpen

Die Fülle der Heil- und Räucherpflanzen in den Alpen ist groß, aber es muss auch hier nie das Außergewöhnliche sein, denn geräuchert wurde und wird meiner Empfindung nach bestens mit dem, was die Natur vor der eigenen Haustür einem bietet und schenkt. Bäume geben uns Harz, man braucht also keinen Weihrauch von weither – und helfende Pflanzen, Kräuter und Bäume gibt es überall in mehr oder weniger großer Zahl, aber immer mit ihrer eigenen besonderen Kraft.

In den Bergen sind es viele Nadelbäume, deren Nadeln und Holz sich toll verräuchern lassen, aber auch kräftige aromatische Bodendecker, duftende Kräuter und Gräser und Beeren. In der letzten Zeit lernen immer mehr Menschen auch außerhalb der Alpen die Zirbe (eine Kiefer) kennen und schätzen. Ihre ätherischen Öle wirken sich u.a. positiv auf das Raumklima aus und sollen helfen, die Herzfrequenz zu senken. Babywiegen, Betten und Wandvertäfelungen wurden und werden daher gern aus diesem Holz gemacht. Trotz des Revivals ist die Zirbe aber nicht die zentrale Räucherpflanze – sie ist aber definitiv ein wichtiger Bestandteil der besonderen „Alpenhelfer“ aus der Pflanzenwelt.

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Räucherwerk vom Timmelsjoch (2500m Höhe) mit Fichte, Tanne, Zirbe, Wacholder, Latschenkiefer, Preisselbeer- und Alpenrosenblättern und Erika (Heidekraut)

Für mich war das Räuchern eine Neuentdeckung, die ich als Jugendliche gemacht habe, als ich begann, mich mit Kräutern zu befassen –  ich komme aus einer Gegend, in der ich davon nichts mitbekam. Es begleitet mich nun aber schon zwei Jahrzehnte und ich wende es mal mehr, mal weniger häufig an. Es ist aber jedes Mal ein befreiendes, beruhigendes und faszinierendes Gefühl; gerade wenn man auch weiß, wo die Pflanzen herkommen und was sie bewirken. Es ist Zeremonie, Besinnung und praktischer Zweck zugleich und eine einfache, aber wunderschöne Art und Weise, etwas für Körper, Geist und Seele zu tun und in die Welt zu schicken.

In den Alpen und auch andernorts ist es eine lebendige, ungebrochene Tradition, die uns Menschen seit langer, langer Zeit begleitet und es gibt immer wieder Neues zu entdecken ♥

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Wer auch etwas über alte Räucherbräuche aus den Alpen oder anderen Gebieten zu berichten hat: Ich freue mich immer sehr!

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