Zeugensteine: Magische Symbole und Botschaften im Erdboden

Unter unseren Füßen und Blicken verbirgt sich vieles, von dem wir oft nicht einmal etwas wissen. So ging es mir auch, als ich vor einiger Zeit zum ersten Mal von ganz besonderen Dingen hörte, die in unserer Landschaft vergraben sind – den Steinzeugen, die eine geheime Erweiterung von Genzsteinen sind. Und da sie oft mit den vielfältigsten Zeichen und Symbolen versehen sind und auch eine rituelle/magische Dimension und heidnische Wurzeln haben, habe ich mich intensiv mit ihnen beschäftigt und erzähle euch heute mal etwas davon.

Grenzsteine und ihre Bedeutung

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Grenzstein, Bild aus „Die Gartenlaube“ von 1864

Grenzsteine prägten nicht nur das Bild der Landschaften rund um menschliche Ansiedlungen, sie waren auch gesellschaftlich sehr bedeutend. Sie markierten Besitz und Übergang und hatten materielle wie emotionale und spirituelle Bedeutung. Es gab strenge Regeln, Gesetze und Kulte um sie und in vielen düsteren Sagen und Legenden wird noch heute von Menschen erzählt, die einen Grenzstein zu ihren Gunsten versetzten und zur Strafe entweder schon zu Lebzeiten hart bestraft wurden oder als Geist Jahrhundert um Jahrhundert umgehen mussten und ihre Ruhe nicht finden durften. Hier findet ihr eine kleine beispielhafte Sammlung sagenumwobener Grenzsteinfrevler.

Der Kult um Grenzsteine und die geheimen Zeugensteine

Auf dem oberen Bild ist der „Markungs-Umgang“ zu sehen und dabei handelt es sich um den früher regelmäßig stattfindenden und bedeutsamen „Umgang“ der Grenzsteine und ihrer Flurstücke. Feierlich und nach festen Regeln wurden diese Gänge abgehalten, um die ordnungsgemäße Verfassung der Grundstücksgrenzen zu überprüfen. Und dabei kommen auch die Steinzeugen ins Spiel.

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Steinzeugen als geheime Verlängerung des Grenzsteins

Der Grenzstein ist der sichtbare Teil der Ortsmarkierung und oft ein behauener, verzierter oder natürlicher großer, schwerer Stein – und wichtiger Beleg für Grundstücksgrenze, Besitztum und lokale Orientierung. Damit eine Versetzung oder ein Diebstahl des Steins nicht eine unwiederbringliche Unklarheit nach sich zieht oder Besitztümer unbemerkt vergrößert oder verkleinert werden konnten, wurden unsichtbare und geheime Elemente hinzugefügt. Und dies sind die Steinzeugen: Zeugen des Grenzsteins, die dessen Lage bezeugen.

Hierfür gab es einen engen Kreis Auserwählter, die diese geheimen Zeugen vergruben. Anzahl, Beschaffenheit und Platzierung war nur ihnen bekannt und sie mussten schwören, diese Geheimnisse niemandem, der nicht zu ihrem Kreis gehörte, weiterzugeben. Gab es nun den Fall, dass es zu Grenzstreitigkeiten kam, konnten nur sie für Aufklärung sorgen, da der Grenzstein nur mit den vergrabenen Zeugen komplett und glaubhaft war. Da es traditionell oft 7 Männer waren, wurden sie auch „Das Siebenergericht“ genannt.

Dieser Brauch ist sehr alt und für fast zwei Jahrtausende belegt – bis er in der Mitte des 20. Jahrhunderts von modernen Messverfahren abgelöst wurde. Die vergrabenen Zeugen waren unterschiedlichster Beschaffenheit; es handelte sich um Kohlen, Scherben, Tonstücke, Steine und Flaschen, Porzellan, Ziegelbruch oder Eierschalen, aber auch Asche, Sand und Kalk. Zusammen mit einer geheimen Platzierung und Anzahl bildeten sie die „Verzeugung“ der Grenze.

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Zeugenstein aus unglasiertem Ton mit Abbildung der Handwerke der Region. Oberer Stein: Färberei, unterer Stein vermutlich Bäckerei.

Die magisch-rituelle Dimension der Steinzeugen

Ursprung dieses Brauchs sind Opfer- und Schutzhandlungen. Grenzsteine und Grenzen waren heilige Orte, an denen Heilungs- und Schutzzauber sowie Weihehandlungen vollzogen, Tote bestattet und Geister gesichtet und gefürchtet wurden. In heidnischer Zeit wurden dienOpferreste in den Gruben vergraben, später bildeten sich u.a. je nach Region Besonderheiten und in der Neuzeit besondere stilistische Merkmale aus, wie vor allem bei den extra für diesen Zweck hergestellten Tonziegeln im Süden Deutschlands.

„Die Heiligkeit der Äcker (…) ist dem Glauben (…) auf das tiefste eingeprägt“ (Jakob Grimm)

Die vergrabenen Steinzeugen wurden auch „Kinder“ oder „Enkel“ des Grenzsteins genannt, was eine deutliche Beseelung wiederspiegelt. Und auch der Kult um die „Siebener“, also die Personen, die das Positionieren und Vergraben der Steinzeugen im Erdreich vornahmen und das Geheimnis hüteteten, war deutlich ausgeprägt und wurde über Jahrhunderte weitergegeben. Der Brauch war von Feierlichkeit, Ehrfurcht und Geheimnis geprägt. Und auch die oft verwendeten Tonziegel erzählen so manche Geschichte.

Symbole auf Steinzeugen

Ich habe eine kleine Sammlung an Zeugensteinen mit geschichtliche und mythologischen Symbolen aufgebaut, weil mich vor allem das Magische und die heidnischen Wurzeln dieses Brauchs interessieren. Einige möchte ich euch einmal zeigen und erklären.

Oben waren ja bereits zwei Tonsteinzeugen zu sehen, auf denen altes Handwerk abgebildet war. Anhand der Attribute kann man diese Abbildungen entschlüsseln. Ebenso gibt es viele Exemplare mit dem Namen des Ortes oder dessen Anfangsbuchstaben oder der Abbildung von Wappen. Einige Exemplare gibt es jedoch, die mit mythologischen und magischen Symbolen verziert sind:

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Mythologisch verzierter Zeugenstein mit Einhorn-Abbildung

Hier ist ein Einhorn abgebildet; ein mythologisches Wesen, das im Mittelalter als das edelste der Fabelwesen galt und auch bei Alchimisten und Heilern sehr populär war. Auch Hildegard von Bingen erwähnte es.

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Der majestätische, kräftige und elegante Hirsch krönt den Ort

Hier ist sehr märchenhaft ein Hirsch abgebildet, der springend und voller Lebenskraft, aber auch Anmut und Schönheit über dem Ort thront. In heidnischen Legenden tauchen oft gehörnte Götterfiguren auf, gleichzeitig steht der Hirsch wie kein anderes Tier für Wald und Natur.

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Seltene Abbildung eines Pentagramms/Drudenfußes

Der Drudenfuß, heute vor allem als Pentagramm bekannt, war eines der verbreitetsten magischen Symbole. Es versprach Schutz vor bösen Hexen und Geistern, der Trud, dem Nachtmahr und anderen übersinnlichen Gestalten und Gefahren, symbolisiert aber gleichzeitig u.a. die 5 Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft und Geist/Äther. Alte Gegenstände mit Pentagrammen sind heute nur noch selten zu finden, daher freue ich mich über diesen Stein besonders.

Geschichte und Geschichten umgeben uns überall

Wie man sieht, begegnen uns Zauber und Magie sowie die Geschichte unserer Vorfahren auf den ungewöhnlichsten Wegen. Wenngleich dieser Beitrag nun keine Anstiftung zum wilden Buddeln sein soll (das würde auch wenig Sinn machen, da es 1. verboten ist, 2. die Steinzeugen nicht einfach zu Füße der Grenzsteine verbuddelt sondern in teils sogar recht großer Entfernung und Tiefe vergraben sind und 3. sich durch moderne Expansion leider kaum noch Exponate finden lassen, da sie bereits zerstört wurden), denke ich, dass das Wissen darum doch eine Bereicherung sein und den Blick auf Landschaft und Vergangenheit verändern kann.

Gerade bei etwas so Weltlichem ist dieser tiefe Einblick in Glauben und Zauber der Vergangenheit  eine spannende Überraschung. Mit den treffenden Worten von von Eberhard Freiherr von Künßhausen gesprochen:

„Auf Schritt und Tritt begegnet man in den Rechtsquellen dem Aberglauben, und mit tausend Fäden hängt er mit dem Recht zusammen.“

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6 Kommentare zu “Zeugensteine: Magische Symbole und Botschaften im Erdboden

  1. Juri sagt:

    Oh-wie großartig, endlich ein neuer Beitrag! haHabebe ihn ehrlich gesagt noch gar nicht gelesen, aber freue mich jetzt schon darauf, dass heute Abend nach der Arbeit tun zu können. Dein dein Blog ist so spannend, interessant und sympathisch geschrieben – hab ihn echt vermisst!

    Gefällt 1 Person

    • Oh wie lieb von dir, Dankeschön ☺️ Das freut mich riesig! Ich hab leider einfach viel zuviel gearbeitet im letzten Jahr, aber das wird jetzt anders und hier wird wieder mehr passieren! Ganz liebe Grüße! Franziska

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      • Juri sagt:

        Super-gerne… hab angefangen, deinen Blog zu lesen, als wir 2017 mitten aus der Großstadt an den Waldrand in ein super-mini-kleines Dörfchen in der Eifel gezogen bin. Du hast so tolle Ideen, ein paar haben wir schon ausprobiert… Löwenzahnhonig machen, Osterwasser am Bach holen, Sachen im Wald sammeln und deinen Literaturtipp mit diesem kalten Sommer hab‘ ich auch gelesen. Oder deine Idee mit den Vogelbeer-Amuletten, die hatten wir letztes Jahr im Herbst auch nachgebastelt. Hier auf dem Land gibt’s sooo viel zu entdecken.. haben hier mitten im Wald beim Hundespaziergang mit Freunden auch schon so alte Matronenheiligtümer und einen uralten verlassenen Friedhof entdeckt, da musste ich auch gleich an deinen Blog denken. Bin grade dabei, ein richtiger Gartenfreak zu werden, so mit Wildkräuterbeeten und alten Gemüsesorten. Irgendwie hat dein Blog immer die richtigen Ideen und freuen uns jedes Mal auf was Neues von dir. Aber kann mir voll gut vorstellen, wie viel Arbeit das ist, deswegen wollte ich einfach mal Danke sagen, anstatt mich immer nur im Stillen über deinen Blog zu freuen.

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  2. Christiane Reisenauer sagt:

    Ich freue mich auch sehr über den spannenden Beitrag!

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  3. Iris Schaper sagt:

    Superspannend! Bei uns im Solling gibt es auch viele davon, sie werden hier Denksteine genannt.

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  4. Nymphenkuss sagt:

    Danke für den inspirierenden Beitrag! Kannst du etwas über die Riten und Praktiken der Siebener erzählen? Das wäre sicherlich auch sehr spannend!
    Und das Pentagramm ist wundervoll! Wo hast du die Steinzeugen her? Und weißt du, wie alt sie etwa sind?

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