Räuchern (Smudging) mit heiligen Pflanzen in Nordamerika

Das Verräuchern von Pflanzen zu rituellen Zwecken hat in Nordamerika eine lange Tradition und tiefgehende Bedeutung. Bei den indigenen Völkern (Native Americans oder First Nations in Kanada) ist sie bis heute lebendig. Verräuchert werden vor allem Sweetgrass, Salbei und Zeder – aber auch Wacholder, Harze und andere Kräuter.

Das Räuchern der nordamerikanischen Ureinwohner ist in ein ganzheitliches Weltbild und eine tiefe Erdverbundenheit eingebettet – das Räuchern/Smudging ist eine heilige und vielschichtige Tradition. Um dem gerecht zu werden, stammen alle hier von mir zusammengetragenen Informationen aus authentischen Quellen erster Hand – von nordamerikanischen Ureinwohnern selbst. Zwar ist es nicht möglich, für alle zu sprechen, da es mehrere hundert indigene Völker in Nordamerika gibt, doch die „Basics“ und vor allem die Philosophie verbinden sie.

Da ihre Lebensweise jahrhundertelang unterdrückt und heute zum Teil kommerziell ausgenutzt wird, ist es mir besonders wichtig, diesen Respekt zu vermitteln, der die besondere Philosophie der First Nations/Native Americans/Aboriginals ausmacht. Zu keiner Zeit würde die Welt mehr davon profitieren als heute, wenn wir von der Sichtweise der Dankbarkeit und des Respekts gegenüber unserer Natur lernen könnten.

Das Räuchern/Smudging: Ablauf und Nutzen

Smudging in Nordamerika: Zubehör und Räucherpflanzen. Zu sehen sind u.a. eine Räucherfeder, eine Räuchermuschel, ein Sweetgrasszopf, getrocknete Zeder, ein Salbeibündel und ritueller Schmuck,
Quelle: wiki commons/TwirlingThunderbird

Smudging ist eine Räucherzeremonie, bei der als heilig erachtete Pflanzenstoffe verbrannt oder verglüht werden. Das Räuchern ist ein eigenständiges Ritual oder findet als Bestandteil größerer Zeremonien wie Heilbehandlungen oder Veranstaltungen statt. Es soll reinigen, befreien, vorbereiten, segnen und gute Energien anziehen. Es werden alle Elemente einbezogen:

  • Die Erde wird durch die Pflanzen repräsentiert,
  • das Feuer durch das Anzünden.
  • Das Wasser durch die oft verwendete Muschel als Räuchergefäß und
  • die Luft durch den aufsteigenden Rauch und die oft verwendete Räucherfeder.

Die Kräuter werden entzündet (oft heißt es, dass Feuerzeuge tabu sind) und dann ausgelöscht, sodass sie sanft weiterglimmen. Es geht nicht darum, soviel Rauch oder Qualm wie möglich zu erzeugen – das Smudgen erfolgt mit Bedacht und Ruhe.

Im Gegensatz zum Räuchern in Europa werden weder glühende Kohle noch offene Flammen verwendet. Die Beschaffenheit der getrockneten Räucherpflanzen und ihre Verarbeitung in Bündel oder Zöpfe ermöglicht diese Art des Smudgings. Es kann jedoch vorkommen, dass immer wieder mal neu angezündet werden muss. Mit der Feder oder mit der Hand wird der Rauch sanft verteilt.

Oft wird als erstes die Räucherfeder im Rauch gesegnet. Dann werden die Hände im Rauch gesegnet, damit sie Gutes tun. Auch die Augen werden mit dem Rauch gesegnet, damit sie das Gute sehen – und der Mund, damit er Gutes spricht. So können der ganze Körper, der Raum, andere Personen und auch Gegenstände gesegnet und gereinigt werden. Immer berücksichtigt werden Mutter Erde und der Creator. Ihnen wird Dank ausgesprochen für alles, was man von ihnen erhält.

Pflanzen (aber auch Steine, Ritualgegenstände und Handlungen) werden von den Native Americans als „medicines“ bezeichnet. Gemeint ist damit aber nicht eine Medizin in unserem westlichen Verständnis eines Medikaments. Medicines sind segensbringende heilige Mittel, die uns Mutter Erde schenkt, um unser Leben und Wohlbefinden zu ermöglichen. In dieser Bezeichnung schwingen der Dank und die Wertschätzung für alles Heilkräftige mit, das wir von der Natur bekommen. Dieser Respekt und diese Verbundenheit sind es, die das Smudging zu einer heiligen Zeremonie machen. Weshalb dieser Hintergrund so wichtig ist, lest ihr weiter unten.

Die Räucherfeder

Die beliebteste und kraftvollste Räucherfeder ist die des Adlers, denn laut den Legenden fliegt er am höchsten ist daher dem „Creator“ am nähesten. Seine Federn sind heilig und ein wertvolles Geschenk, dass man mit viel Glück selbst in der Natur findet oder von anderen Menschen geschenkt bekommt. Da Adler auch in den USA und Kanada unter Schutz stehen und die Federn nicht gehandelt werden dürfen, können sich registrierte Angehörige der indigenen Völker bei den Behörden für gefundene Federn anmelden und bekommen eine ausgehändigt, wenn es wieder einen Fund gab. So können sie ihre Kultur in Eintracht mit Tierschutz und den Behörden wieder ausleben.

Auch in Deutschland dürfen Federn geschützter Vögel nur mit Herkunftsnachweis abgegeben werden- und auch nur von in Zucht oder Obhut lebenden Tieren. Generell gilt:

„In Deutschland ist das Sammeln von Federn prinzipiell verboten. Die Regel lautet: Geschützte Tiere oder Teile von ihnen dürfen sich nicht angeeignet werden. Da alle heimischen Vögel zu den geschützten Tieren zählen, dürfen ihre Federn nicht gesammelt werden.“ (Quelle: Deutschlandfunk Nova. Wertvolle Federn)

Nordamerikanische Räucherpflanzen: White Sage, Zeder, Sweetgrass. Lose, als Räucherbündel und als Sweetgrass-Zopf* von Angehörigen indigener Völker aus Kanada. Flussmuschel als Räucherschale.

Das Ende der Smudging-Zeremonie

Die Kräuter lässt man ungestört weiter verglühen/verglimmen, um die „Verbindung zum Großen Geist“ nicht abrupt zu kappen. Die Asche sowie übrig gebliebene Pflanzenteile werden wieder Mutter Erde übergeben.

Die wichtigsten Räucherpflanzen

Das Sammeln der Pflanzen

Schon das Sammeln der Pflanzen ist Teil des Rituals: Nachdem sorgfältig die geeignete Pflanze ausgewählt wurde, wird ihr erklärt, wofür man sie benötigt. Dann wird ein Opfer als Geschenk und Dank auf die Erde gelegt – meist ist es getrockneter Tabak, denn die Tabakpflanze ist bei vielen indigenen Völkern die heiligste Pflanze und wird auch Menschen zum Dank oder Tausch für wertvolle Geschenke gegeben.

Dann werden Teile der Pflanze oder des Baums schonend gesammelt, immer mit dem Fokus darauf, die Natur nicht zu zerstören und nur so viel zu nehmen, wie benötigt wird.

Sweetgrass geschnitten und Sweetgrass als geflochtener Zopf

Sweetgrass

Das Süßgras wird auch Mariengras, Büffelgras oder Vanillegras genannt und kommt in Europa, Asien und Nordamerika vor. Es duftet nach Vanille, süßem Heu und ähnlich wie Tonkabohnen. Aber auch Waldmeister duftet ähnlich. Grund ist das enthaltene Cumarin (welches in Maßen inhaliert werden sollte).

Die Wirkung des Sweetgrass wird als „Positives anziehend“ überliefert und es wird zum Anziehen guter Energien und zum Segnen verwendet. Traditionell und nachhaltig gesammeltes und verarbeitetes Sweetgrass direkt aus Kanada erhaltet ihr hier: Crystal Cabin Shop der Schwestern April und Sarah*. Die Sweetgrasszöpfe werden von den „Elders“ der Sapotaweyak Cree Nation, der Woodland Cree Nation und der Ojibwa Nation hergestellt. Der Versand kostet nur 5-6€ und die Post dauert weniger als 10 Tage.

Zeder

Die heilige und heilende Zeder ist eine weitere zentrale Pflanze nordamerikanischer indigener Stämme und wird aufgrund ihrer vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten und ihrer Kräfte sehr verehrt und geschätzt. Beim Räuchern duften die Zedernspitzen sehr krautig-waldig-herb und segnen, klären und heilen.

Das Flechten der Sweetgrass-Zöpfe

Es wird von Angehörigen der First Nations traditionell zu Zöpfen geflochten, denn es ist das Haar von Mutter Erde. Hierfür werden drei Stränge mit je sieben Halmen verwendet: Die Zahl sieben bezieht sich auf den Grundsatz, dass all unsere Entscheidungen die 7 Generationen vor uns ehren und die Zukunft von sieben Generationen nach uns achten sollten.

Außerdem wird beim Flehten oft eine Art Gebet gesprochen: Wenn der erste Halm verflochten wird, sagt (oder denkt) man „Body“, beim zweiten Halm „Mind“ und beim dritten „Spirit“. So werden während des gesamten Flechtprozesses die drei zentralen Ebenen des Lebens berücksichtigt, die dann wiederum auch beim Räuchern angesprochen werden: Körper, Geist und Seele.

Salbei / Sage / White Sage

Eine mittlerweile sehr bekannte Räucherpflanze – mit starkem, herben Duft, der reinigend, klärend und Negatives austreibend wirkt. Europäischer Salbei kann das auch, ist aber weniger stark und streng.

Gerade im Zusammenhang mit weißem Salbei sind einige Hintergrundinformationen notwendig – aber auch zum gesamten Thema des Smudgings:

Kulturelle Aneignung: Kritik an der Kommerzialisierung

In den letzten Jahren wurde das Räuchern mit den Bündeln des weißen Salbeis von einigen großen Konzernen zum Marketingtrend. Die Traditionen der indigenen Völker und ihre heiligen Pflanzen wurden kommerzialisiert und ihrer Wurzeln beraubt – zudem führte die hohe Nachfrage der Produzenten dazu, dass die eigentlich sehr häufige Pflanze in Kalifornien immer seltener wurde. Der Preis stieg und es wurde massiv in die Ökosysteme eingegriffen. Dasselbe Schicksal ereilt übrigens auch Bursera graveolens/Palo Santo, dessen Bestände durch die große Nachfrage teilweise schrumpfen.

Kulturelle Aneignung beginnt dort, wo persönliche Grenzen der Betroffenen und des Respekts überschritten und der kulturelle Hintergrund außer Acht gelassen werden. Das Smudging sowie die verwendeten Pflanzen sind Teil der heiligen Praktiken, die seit Jahrtausenden das Leben vieler Völker und Kulturen prägen. Sie transportieren eine ganzheitliche Weltanschauung, alte Weisheiten und spirituelle Bedeutungen. Eine oberflächliche Vermarktung ohne Respekt vor den Menschen und den Wurzeln verletzt Menschen und ihre Kultur – was in diesem Fall besonders tragisch ist, da die europäische Kolonialisierung Nordamerikas großes Blutvergießen mit sich brachte und Millionen sog. „Indianer*innen“ ihr Leben verloren und bis heute großteils ausgegrenzt und ihrer Möglichkeiten beraubt werden.

Dennoch können natürlich Bestandteile anderer Kulturen entdeckt und erfahren werden: Wenn man sich mit ihrer Bedeutung vertraut macht, ihren Hintergrund respektiert und verantwortungsbewusst damit umgeht, ist es eine Form kultureller Anerkennung – die in Bezug auf das Smudging auch von vielen Native Americans begrüßt wird.

Nachhaltige Bezugsquellen wählen, Alternativen wählen oder selbst anpflanzen

Wenn man nordamerikanische Räucherpflanzen ausprobieren möchte, ist es am förderlichsten, sie direkt bei Angehörigen der indigenen Völker zu kaufen. So können die Menschen ihren Lebensunterhalt damit verdienen, aus deren Kultur die Traditionen stammen – und man selbst kann sichergehen, dass die Pflanzen nachhaltig und rituell gesammelt und verarbeitet wurden. Im verlinkten Shop kann man von zwei Natives direkt Smudging-Produkte beziehen, aber natürlich ist das Versenden durch die halbe Welt auch nicht sehr sinnvoll, weswegen es als Ausnahme wohl am besten ist.

Bio- und Fairtrade sind immer die beste Wahl, aber einheimische oder regional produzierte Produkte noch besser. Sweetgrass ist bei uns als Mariengras bekannt. Natürlich sind Wuchs etc. aufgrund klimatischer Unterschiede anders, doch auch in unseren Breitengraden hat die Nutzung von Mariengras eine lange Geschichte und der Duft einheimischen Räuchergrases überzeugt genauso. Ebenso ist es mit einheimischem Salbei. Wer Zederspitzen selbst sammeln möchte, sollte sich sehr sicher bei der Bestimmung sein, denn Zedern, Zypressen, Scheinzypressen und Lebensbäume/Thuja auseinanderzuhalten, kann recht schwer sein – und einige von ihnen sind sehr giftig.

Selbst anpflanzen lassen sich auch Räucherpflanzen auch. White Sage benötigt wenig Wasser und sehr viel Sonne – ein Balkon könnte also reichen.

Ich hoffe, der Ausflug in die Welt Nordamerikas hat euch genauso gefallen wie mir! Ich konnte neue Facetten des Räucherns entdecken. Wer mehr über traditionelles Räuchern im Alpenraum wissen möchte, kann hier weiterlesen!

Räuchern im Alpenraum
Danke an die vielen Angehörigen der First Nations, die ihr Wissen und ihre Traditionen teilen! Bildquelle: Wiki Commons, Angehörige der First Nations vor Tipis, 1890

*) Unbezahlte und unaufgeforderte Werbung durch Nennung und Verlinkung. Kein Affiliatelink, keine Provision. Weiterempfehlung eines selbst gekauften Produkts 🙂